Die Ereignisse fallen in mich hinein, wie Steine. Und manchmal sind sie dann schwer und ziehen mich nach unten.
Einkaufstaschen
Ich steuere meine obligatorische Bank an, in der U Bahn Station Schottenring, und als ich mich setzten will, seh ich eine alte Dame, die mit zwei Sackerln sichtlich aufgelöst daher kommt. Ihre Blicke begehrlich auf den freien Sitzplatz geheftet. Also lasse ich es bleiben und stelle mich daneben hin. Obwohl ich versucht habe, es zu vertuschen, hat sie gemerkt, dass ich mich eigentlich setzten wollte, und lässt sich schnaufend nieder. Wir schauen uns an und sie beginnt mir die Geschichte zu erzählen, warum sie sich denn da jetzt so abschleppen muß. Ganz hab ich es nicht verstanden, auf jeden Fall aber, war ihr Mann unglücklich darin involviert. Er trägt die Hauptverantwortung, dass sie jetzt diese zwei schweren Sackerl tragen muß. „Des hot eh ka Gwicht, hot a gsogt.“ Dann drängt sie mich doch mal zu probieren, um mich zu überzeugen und ich muß das Sackerl probeweise hoch heben, damit ich ihr bestätige, dass es wirklich viel zu schwer ist. Sie zeigt mir ihre Einkäufe. Ich pflichte bei: „Ja wirklich, alleine die zwei Liter Milch, das sind ja schon zwei Kilo.“ Wir reden noch ein bißchen, und ich schlage eine von diesen Zieheinkaufstaschen vor, aber die sind ganz unpraktisch, sagt sie. Und ich fühle, dass von ihr viel Gutes zu mir strömt. Sie hat ganz eisblaue Augen, aber in denen sitzt viel Humor. Dieser typische Humor, den ich bisher vorallem in den Augen älterer Frauen bemerkt habe. Augen die ein ganzes Leben gesehen haben, denen so schnell keiner was vormachen kann, und die keine Angst mehr haben. Die fest verwurzelt sind in der Realität.
Frühling
Es ist Mittagspause und ich gehe im Praterpark spazieren. Ich gehe meine übliche Runde, wie immer, wie jeden Tag. Den gleichen Weg. Warum ich immer den gleichen Weg gehe, weiß ich eigentlich gar nicht. Und die Blätter über mir sind grün. Und da kommt einer auf seinem Fahrrad. Er hat eine von diesen Jogging Hosen an und eine dicke, silberne Kette um den Hals. Er blickt sich suchend um und reckt den Hals, damit er den ganzen Umkreis sieht. Senioren und ein Pärchen, und naja, ich. Und ich weiß schon was er da treibt, mit dem Rad herum fahren und Girls abchecken… Es ist ja ganz frischer Frühling. Und er fährt ein bißchen stumm neben mir her und dann sagt er mit der typischen harten Intonation, also so, wie Erkan und Stefan sprechen: „Hallo, wo gehst du hin!“ Und ich denke mir: „Maaah, bitte! Muß das sein, ich hab Mittagspause.“ Aber was soll ich schon groß machen, und ich versuche halbwegs freundlich zu antworten. Und er fragt so dies und das: Wo ich denn arbeite? Und was ich da so mache, und ob er mich ins Büro bringen darf? Und ob ich eigentlich einen Freund hab, und ob ich wirklich, wirklich 40 Stunden arbeite? Und ich merke, dass er noch ganz jung ist. Und ich frage ihn was er denn so macht. „Ja, ich geh in die Schule, aber meistens schwänze ich, wenn ich nimmer will!“, sagt er, mit einer kindlichen Aufrichtigkeit. Ich schaue ihm in die Augen und frage ihn wie alt er denn ist, und komme mir bei der Frage vor, wie seine böse Oberlehrerin. Und er sagt: „Neunzehn“. Ich sag: „Ah, okay“. Mmmmhhh. „Ich bin neunundzwanzig.“ Er sagt: „Boah, da bist du ja zehn Jahre älter als ich.“ „Ja“. Wir schweigen. Anstandsmäßig radelt er noch ein paar Meter neben mir her, dann sagt er: „Äh, ich muß da jetzt abbiegen.“ :-)
Schlägerei
Wiedermal beim U Bahn fahren. Da bricht dieser Streit los. Und zwei Typen fangen eine Schlägerei an. Und sie schreien und es kracht. Und ich verkrampfe mich am ganzen Körper. Und ich weiß ich sollte jetzt etwas tun, irgendwie einschreiten oder so. Aber ich bleibe sitzen und schäme mich, dass ich so feig bin. Und ich sehe nicht genau was vorgeht, weil ich mit dem Rücken zu ihnen sitze, aber bei jedem Geräusch, kralle ich mich fester in meine Tasche. Und mir gegenüber sitzt ein Mann um die 60. So einer, den man an einem Würschtelstandl finden könnte. Und er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Und er schaut mich an und sagt: „Brauchst di net fürchtn, jetzt haun sa sie a bissl, und nocha vertrong sa sie wieda.“ Und er sagt es, als wüßte er, wovon er redet.
Unter dem Einfluß von Hafiz…
God came to me today and said:
„I wanted to be you,
and her, and this and that
and all around.
So that now,
we all can play together,
in this great work of fiction.”
Die Menschen enden vor der Stirn. Durch Konzentration kannst du ihnen nahe sein, nicht durch das Aufschwemmen des Ichs, nicht indem du sie in dir selbst suchst.
U-Bahn fahren…
Wenn man mit der U Bahn fährt, sieht man all die vielen Menschen. Man sieht wie ihre Brust sich hebt und senkt beim Atmen. Derselbe Atem, der in sie alle hineinströmt. Und ich sehe da dieses Mädchen sitzen und sie hört Musik, und sie lächelt und ich weiß sie erinnert sich an die letzte Nacht, als ihr der Eine so schöne Worte gesagt hat. Und da ist dieser Mann dessen Knie zittert und der unruhig wird, weil die U Bahn solange in der Station stehen bleibt, und schon beginnt er zu murmeln, weil er zu spät dran ist und die Angst ihm im Nacken sitzt. Und die verliebten Teenager: unter seiner Haut zieht eine zarte Röte auf, weil es so schön ist ihre Hand zu halten. Und das alte Ehepaar wo beide wissen, dass bald einer von ihnen gehen muß. Und der Sandler, der lebt wie ein Vorwurf an uns alle, dass wir darin versagt haben, ihm zu helfen. Weil wir alle besessen sind von unserer eigenen Wichtigkeit. Es ist ein Alptraum der vom Ego kommt so wichtig zu sein. Die Welt tut so als wäre es ein Traum, aber das stimmt nicht. Es ist der grauenvollste Alptraum überhaupt. Die Mutter aller Alpträume. Alles was du tust ist wichtig. Alles ist wichtig. Jeder deiner Schritte hat Bedeutung. Du musst alles richtig machen, denn machst du es falsch ist alles verloren. Das ist doch ganz furchtbar. Aber das ist nicht die Wahrheit, denn in Wahrheit haben vor mir ganz viele Menschen überall auf der Welt zu allen Zeiten gelebt. Sie waren glücklich, unglücklich oder ängstlich, sie haben es gut und schlecht gemacht. Ich habe darin keine Bedeutung. Und dann löst der Knoten sich, und ich kann sehen, dass da noch etwas Anderes ist. Und ich sehe die schlimmen Knöchel der alten Frau, die vor mir die Treppe hochsteigt, sie sind knorrig und tun sicher weh. Und ich frage mich, warum muß es denn so sein. Warum muß es denn so sein. Und dann denke ich an die Worte, dass das Leben so kurz ist, dass es in Wahrheit, in Wirklichkeit schon vorbei ist. Eigentlich. Und dass wir alle gemeinsam dorthin gehen. Und all das ist Jammern auf hohem Niveau, wie ein Freund von mir sagen würde. Und er hat recht. Und man sollte doch etwas tun und man sollte doch politsch sein und aktiv. Und ich würde gerne mithelfen, aber ich weiß nicht wie, und ich weiß nicht wo. Und da ist immer nur dieser Satz in meinem Gehirn der sagt: „Ich wünschte ich hätte genug Liebe, damit nie wieder jemand leiden muß.“ Aber ich weiß auch, dass das keinen Sinn ergibt.
Ich gebe alles zurück was nicht mir gehört,
und nichts gehört mir,
und dennoch: bin ich Teil von allem.
"Mehr sehen, mehr erleben – Hd Fernsehen auf Vox"
Unsere Werbungen sprechen von einer Sehnsucht nach Lebendigkeit. Nach innerer Freude, nach Sinnlichkeit. Das volle Leben. Wir wünschen uns sosehr, endlich ganz zu sein und zu leben, so richtig. In die leeren Hülsen die die Industrie produziert, wird unsere Sehnsucht nach Leben eingefüllt. Zuerst wird der Mensch, der Stille entfremdet…er wird mit Worten, Gedanken und Taten angefüllt. Er verliert den Blick für die Ganzheit. Er wird beschränkt in seinem Ausdruck, und lernt essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Je tiefer es ihn trifft, desto mehr fügt er sich in die Zäune, umso freiwilliger gräbt er sich die Dornen ins Fleisch um das Böse einzusperren, es soll nur nicht mehr nach Außen dringen um niemandem, niemandem zu schaden. Und das Dunkle schwärt weiter in ihm, ohne sein Wissen, und wird böse auf ihn, und die anderen. Umso kühler wird es in ihm und umso fester Wachsen die Zäune in sein Fleisch, starr, und nur nicht hinsehen, und bitte, bitte nicht so böse sein. Wir werden blass und schmal im Gesicht, und gönnen uns nichts mehr und versuchen zu lieben, und fragen uns warum wir nicht strömen können? Und dann treibt die Sehnsucht uns um und wir versuchen unseren Hunger zu stillen mit den bunten Angeboten der Werbung. Wenn wir uns doch selbst nur nicht in diese Enge zwängen würden, wenn wir das Korsett unserer Sitten doch ersetzen könnten, durch eine wahre Führung zum Guten, eine sanfte Hilfe zum Gutsein.
Wir werden solange besiegt, bis wir aufhören sein zu wollen, was wir nicht sind. Das ist die einzige Lektion die uns das Leben beibringen will. Wir müssen wir selbst werden.